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Montag, 5. März 2007

Seelische Erkrankungen bei Kindern nehmen zu

Frankfurt/Main (dpa) - Viele Todesfälle vernachlässigter Kinder haben die Öffentlichkeit schockiert. Im Zentrum der Wahrnehmung steht dabei stets die körperliche Misshandlung. Dabei ist es gerade um die seelische Gesundheit deutscher Kinder schlecht bestellt.

Frankfurt/Main (dpa) - Viele Todesfälle vernachlässigter Kinder haben die Öffentlichkeit schockiert. Im Zentrum der Wahrnehmung steht dabei stets die körperliche Misshandlung. Dabei ist es gerade um die seelische Gesundheit deutscher Kinder schlecht bestellt.

«18 Prozent aller Kinder im Vorschulalter weisen diagnostizierbare Verhaltensauffälligkeiten auf», berichtete Prof. Klaus Fröhlich- Gildhoff auf einer Tagung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (bkj). Zu den häufigsten Störungen gehörten Aggressivität, Konzentrationsschwächen, Unruhe, Ess- oder Schlafstörungen, aber auch oft Ängste und Depressionen.

Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge verschiebt sich das Krankheitsbild bei Kindern und Jugendlichen derzeit von akuten zu chronischen Krankheiten sowie von körperlichen zu psychischen Störungen. Für die so genannte BELLA-Studie wurden 2863 Familien befragt. Danach lagen bei 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten vor, 10 Prozent wurden im engeren Sinn als psychisch auffällig eingestuft.

«Mindestens ein Viertel aller Kinder leben in Umständen, die nicht kindgerecht sind», sagt Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Der Verband tagte am Wochenende in Weimar. Dazu zählt Hartmann Mütter mit oft wechselnden Partnern oder überforderte Alleinerziehende, Drogenprobleme, Arbeitslosigkeit oder Geldnöte, aber auch übermäßigen Fernsehkonsum. «Das alles macht die Kinder krank.»

Aber die Risikofaktoren für psychische Erkrankungen lauern nicht nur am Rande der Gesellschaft. Überforderte oder verunsicherte Eltern gibt es in allen Schichten: «Viele Eltern haben zum einen nicht mehr genug Erziehungswissen, zum anderen trauen sie sich nicht in die notwendigen Konflikte zu gehen», konstatiert Albert Matthias Fink, Sozialpädagoge aus Köln.

«Wie können wir Kindern helfen, die keine blauen Flecken oder gebrochene Gliedmaßen haben, aber in ihrer Psyche schwer verletzt werden?», fragt Diplompsychologin Marion Schwarz aus dem hessischen Bad Schwalbach. Schnell eingreifen, meint Prof. Fröhlich-Gildhoff: «Bei Kindern kann man mit ganz geringem Aufwand sehr viel erreichen.» bkj-Präsidentin Friederike Wetzorke (Braunschweig) wünscht sich, dass das auf Eis gelegte Präventionsgesetz möglichst bald kommt und dass dabei auch die seelische Gesundheit als Ziel definiert wird.

Die bundesweit etwa 3000 Psychotherapeuten für Kinder und Jugendlichen würden sich bei vorbeugenden Hilfsangeboten gern einbringen, aber das Psychotherapeutengesetz bindet ihnen die Hände, indem es ihnen nur die Behandlung von Krankheiten erlaubt. Völlig unverständlich findet Wetzorke zudem, dass bei den Vorsorge- Untersuchungen des Kinderarztes (U1-9) psychosoziale Aspekte überhaupt nicht berücksichtigt werden. «Wenn das Kind nicht krabbeln kann, dann schickt der Arzt es zum Orthopäden. Genauso sollte er ein Kind, das psychisch auffällig ist, zu einem Therapeuten schicken.»

Die Kinderärzte bestreiten dieses Defizit nicht: «Körperliche Aspekte werden zu stark, seelische zu wenig beachtet», stimmt Kinderarzt Hartmann den Therapeuten zu. Grund seien die falschen Prioritäten der Gebührenordnung: «Die technische Medizin wird bezahlt, die verbale nicht.» Eine Neuordnung der Vorsorge- Untersuchungen sei längst überfällig, die Aktualisierung stecke jedoch seit Jahren in den Mühlen der Bürokratie fest.


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