Die «Helfer» loswerden: Medikamentensucht beenden
Neunkirchen/Berlin (dpa/tmn) - Manche Pillen haben es sogar in den Pophimmel geschafft: Als sie noch jung waren und Tabletten höchstens zum Spaß einwarfen, schrieben die Rolling Stones ein Lied über «Mother's little helpers» - Mutters kleine Helfer.
Neunkirchen/Berlin (dpa/tmn) - Manche Pillen haben es sogar in den Pophimmel geschafft: Als sie noch jung waren und Tabletten höchstens zum Spaß einwarfen, schrieben die Rolling Stones ein Lied über «Mother's little helpers» - Mutters kleine Helfer.
Gemeint waren Valiumpillen, die bekanntesten Vertreter aus der Gruppe der Benzodiazepine. Bei Dauergebrauch machen sie allerdings abhängig. Nur eine Psychotherapie hilft dann, von den Pillen wieder loszukommen. Rezeptpflichtige Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine werden für etwa 80 Prozent aller Fälle von Medikamentenabhängigkeit verantwortlich gemacht.
Den Rest der Süchtigen teilen sich Schmerz-, Schlaf- und Anregungsmittel sowie Appetitzügler, Antidepressiva und Neuroleptika. Von den Schmerzmitteln haben vor allem Opiate und Kombinationspräparate Suchtpotenzial, die neben dem eigentlichen Schmerzwirkstoff Koffein und Codein enthalten. Benzodiazepine werden bei Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Unausgeglichenheit und Lustlosigkeit sowie Angst- und Stresssymptomen verschrieben.
Nach Angaben des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München haben rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland eine «medikamentenbedingte Störung». Damit sind fast ebenso viele Menschen von Pillen abhängig wie von Alkohol. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen - die Herren der Schöpfung suchen bei Problemen mehrheitlich lieber Halt an der Flasche.
«Der Übergang vom normalen Gebrauch eines Medikaments zur Abhängigkeit verläuft in der Regel schleichend», erklärt die Ärztin Astrid Bühren, Vorsitzende des Ausschusses «Sucht und Drogen» der Bundesärztekammer in Berlin. Anfangs lindern die Pillen Beschwerden. Wenn aus einer Kurzzeitverordnung eine Langzeitverordnung wird, steigt allerdings die Suchtgefahr. Medikamentenabhängigkeit kann sich schon innerhalb von sechs bis acht Wochen einstellen. Das erste Zeichen einer Sucht ist immer ein Wirkungsverlust: um den gleichen Effekt zu erzielen ist eine immer höhere Dosis notwendig.
Eine Entgiftung des Körpers ist der erste Schritt der Therapie: «Man muss das Medikament ausschleichen, langsam die Dosis reduzieren und schließlich ganz absetzen», sagt Astrid Bühren. Andererseits lässt sich ein Entzug aber auch nicht so gestalten, dass die Betroffenen gar keine Entzugserscheinungen haben. Und keine Regel ohne Ausnahme: «Die Kombinationspräparate unter den Schmerzmitteln müssen sofort abgesetzt und durch Monopräparate ersetzt werden.»
Das zweite, entscheidende Standbein der Therapie ist eine Psychotherapie. Hier müssen die Betroffenen zunächst lernen, den Griff zur Pille zu vermeiden. «Wesentlicher Punkt der Psychotherapie ist es, alternative Bewältigungsstrategien herausarbeiten, mit denen der Betroffene sein ursprüngliches Problem lösen kann», erklärt Horst Baumeister, Oberarzt an der auf Suchtprobleme spezialisierten psychosomatischen Fachklinik Münchwies in saarländischen Neunkirchen. Bei Medikamentenabhängigen rechnen die Experten mit einer Therapiezeit von rund zwölf bis 16 Wochen.
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