Die heimliche Epidemie: Viele Teenager haben Chlamydien
Berlin (dpa) - Viele Jugendliche sind über Geschlechtskrankheiten schlecht informiert. Eine Studie aus Berlin, die das Fachmagazin «Der Hautarzt» jetzt veröffentlicht, bestätigt das einmal mehr: Zahlreiche Mädchen hatten durch Sex ohne Kondom eine Chlamydien-Infektion.
Berlin (dpa) - Viele Jugendliche sind über Geschlechtskrankheiten schlecht informiert. Eine Studie aus Berlin, die das Fachmagazin «Der Hautarzt» jetzt veröffentlicht, bestätigt das einmal mehr: Zahlreiche Mädchen hatten durch Sex ohne Kondom eine Chlamydien-Infektion.
Zehn Prozent der 17-jährigen Mädchen, die in der Hauptstadt an einer Reihenuntersuchung (Screening) teilnahmen, waren betroffen. «Und nur die allerwenigstens wissen, dass Unfruchtbarkeit die Folge sein kann. Es ist eine Art heimliche Epidemie», sagt die Charité- Ärztin und Mitinitiatorin der Studie, Christina Klapp. Die Gynäkologin des Virchow-Klinikums ist zusammen mit sieben weiteren Kolleginnen seit Jahren in Berlin in einer Art «Aufklärungs-Staffel für die Aufklärung» unterwegs: Für die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau (ÄGGF) besuchen sie Berliner Schulen und beantworten Fragen der 10- bis 18-Jährigen rund um das Thema Sexualität.
Bundesweit tun das viele ihrer Vereinskolleginnen - aber Zahlen zum tatsächlichen Vorkommen der tückischen Chlamydien-Erreger außerhalb von Risikogruppen gibt es bislang nur aus Berlin. «Mit steigender Zahl der wechselnden Sexualpartner lag die Infizierten-Quote sogar bei bis zu 20 Prozent der 17-Jährigen», resümiert Klapp aus der Stichprobe der 266 minderjährigen Teilnehmerinnen. Kondome haben die meisten (65 Prozent) danach nur beim «ersten Mal» benutzt, anschließend sank dieser Anteil auf 20 bis 30 Prozent. Neun von zehn Mädchen hatten zudem noch nie etwas von einer Gefahr durch die unentdeckte Krankheit gehört.
«Wir brauchen dringend bundesweite Erhebungen», betont auch Gisela Gille, Frauenärztin aus Lüneburg und Vorsitzende der ÄGGF. Erst dann würde die Notwendigkeit eines regelmäßigen, von den Kassen bezahlten Chlamydien-Screenings für junge Mädchen auch politisch wahrgenommen. «Schätzungsweise ein Fünftel aller Fälle von Unfruchtbarkeit gehen auf diese Infektionen zurück», sagt Klapp. Das Tückische daran: Fast immer verläuft die Erkrankung völlig unbemerkt. «Erst Jahre später zeigen sich dann möglicherweise die Konsequenzen, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt.»
Gerade dieser Aspekt mache die Teenager in den Schulberatungen jedoch hellhörig: Denn auch Jungen können sich anstecken und schlimmstenfalls unfruchtbar werden. «Das ist sozusagen fast ein 'Glück', denn so wächst auch bei den Jungs die Bereitschaft, ein Kondom zu nutzen», erzählt Klapp. Anders als das Thema Aids, das für viele junge Leute ganz weit weg sei und keinen Schrecken einjage, gehörten Kinder doch für die meisten zum Lebenskonzept.
Viele wechselnde Sexualpartner, aber auch starkes Rauchen oder Mangelernährung sowie Hormonstörungen durch Essprobleme erhöhen das Risiko einer Ansteckung. «Gerade bei sehr jungen Mädchen ist das Immunsystem außerdem noch nicht trainiert», erläutert Gille.
Die Angst vor Unfruchtbarkeit kann manchmal jedoch sogar einen gegenteiligen Effekt haben, wissen die Ärztinnen. «Eine britische Studie zeigt, dass gerade junge Mädchen aus einfachen Verhältnissen versucht sind, dann ihre Fruchtbarkeit zu testen.» Auch an Gille schrieb eine 15-Jährige besorgt: «Ich hatte Chlamydien. Jetzt haben wir beim Geschlechtsverkehr oft nicht verhütet und ich wurde nicht schwanger. Heißt das, ich kann keine Kinder bekommen?»
Das Fazit der Fachfrauen: Eine umfassende, aber einfühlsame Aufklärung inklusive jährlicher Screening-Angebote für junge Frauen muss her. Derzeit ist ein Test auf das Bakterium Chlamydia trachomatis lediglich Bestandteil der Schwangeren-Vorsorge. «Aber hier kommt er eigentlich zu spät», sagt Klapp. Ein Lichtblick zeigt sich derzeit nur im Raum Nürnberg/Fürth: Dort hat die Firma Roche ein Pilotprojekt gestartet und bietet jungen Mädchen einen Chlamydien-Selbsttest via Apotheken an.
Ein Wermutstropfen ist allerdings der Preis. «Mädchen werden kaum ein paar Dutzend Euro für einen Test ausgeben, wenn ihnen ihr Taschengeld sogar für Kondome zu wertvoll ist», mutmaßt Gille. Und der Griff zum Gummi stehe auf alle Fälle an erster Stelle. «Es ist höchste Zeit, beim Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten und ihren Folgen nicht bloß über Aids zu reden», warnt die Ärztin.
Weitere Meldungen aus dem Bereich Arbeitsrecht
Top-Meldungen aus anderen Bereichen
Die wichtigsten Fragen zum Arbeitsrecht
Wir beantworten Ihnen hier die wichtigsten Fragen rund um das Arbeitsrecht, u.a. zum Thema Urlaubsgeld, Kündigung und Arbeitsvertrag.
In unserem Arbeitsrecht Ratgeber finden Sie wichtige Informationen und gesetzliche Regelungen zu den relevantesten Themen aus dem Arbeitsrecht.
Fehlende Originallackierung bei einem Gebrauchtfahrzeug kein Mangel
Der unter anderem für das Kaufrecht zuständige VIII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hatte darüber zu entscheiden, ob
[mehr...]Haftung des Inhabers eines eBay-Accounts
Der u. a. für das Wettbewerbs-, Marken- und Urheberrecht zuständige I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hatte darüber z
[mehr...]







