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Montag, 30. Oktober 2006

Organvernarbung wird unterschätzt

Aachen/Berlin (dpa/gms) - Die Immunschwäche Aids ist wieder in aller Munde, genauso Volksleiden wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kaum bekannt ist dagegen die Organfibrose, das krankhaften Vernarben von Organen.


Aachen/Berlin (dpa/gms) - Die Immunschwäche Aids ist wieder in aller Munde, genauso Volksleiden wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kaum bekannt ist dagegen die Organfibrose, das krankhaften Vernarben von Organen.

An ihrer Bedeutung liegt es nicht: «Die Organfibrose ist eigentlich eine Krankheit Nummer eins», sagt Privatdozent Ralf Weiskirchen vom Uniklinikum Aachen. Betroffen von der Vernarbung sind Leber, Niere, Lunge, Bauchspeicheldrüse, aber auch Haut, Auge, Knochenmark und der Herzmuskel. Hinzu kommen Krankheiten wie Arteriosklerose, die ebenfalls zu den fibrotischen Vorgängen zu zählen ist.

Weiskirchens Kollegin Elke Roeb hat auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) Ende April die Bedeutung der Organfibrosen mit Zahlen untermauert: «Internationalen Erhebungen zufolge sind Organfibrosen führend in der Mortalitätsstatistik, da sie etwa 45 Prozent der Todesfälle direkt oder indirekt verursachen», sagt die Professorin der Universität Gießen.

Beispiel einer Organfibrose ist die Vernarbung des Lebergewebes infolge dauerhafter Alkoholeinwirkung. Bei fast jedem zehnten Patienten, der nach dem Tod obduziert wird, lässt sich laut Elke Roeb eine Leberzirrhose - das Endstadium einer Leberfibrose - feststellen.

«Fibrosen sind nahezu unbekannt, weil die Erkrankung immer anders genannt wird», erklärt Prof. Harm Peters, Nierenexperte an der Charité in Berlin. «Die meisten Nieren gehen zugrunde an einem Bluthochdruckschaden oder einem Diabetesschaden.» Das heiße dann hypertensive oder diabetische Nephropathie. Eigentlich handle es sich aber um eine Nierenfibrose.

Das gemeinsame Merkmal aller Organfibrosen ist die krankhafte Bildung von Bindegewebe. Ralf Weiskirchen spricht von «überschießenden Reaktionen», die dazu führen, dass vermehrt Kollagen gebildet wird. Kollagen ist ein Protein, das zusammen mit anderen Eiweißen die so genannte extrazelluläre Matrix bildet. Das ist jene Grundsubstanz, in welche die Zellen des Körpers eingebettet sind.

«Das Kollagen wird dann wie ein fädriger Kleber auf der Oberfläche der Zellen und zwischen ihnen abgelagert», erklärt Weiskirchen. Gesundes Gewebe wird so durch vernarbtes Bindegewebe ersetzt, und die Zellen können nicht mehr miteinander kommunizieren. Sie können keine Stoffwechselprodukte mehr tauschen und ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen. Werden bei der Niere zum Beispiel die für die Blutreinigung zuständigen Zellen durch Narbengewebe ersetzt, ist der Filter kaputt.

Umumkehrbar ist dieser Prozess jedoch nicht: Zumindest dann, wenn die Vernarbung noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. Elke Roeb konnte beispielsweise Narben der Leber, die durch das Hepatitis-C-Virus hervorgerufen wurden, wieder verschwinden lassen.

Dreh- und Angelpunkt bei der Therapie von Fibrosen ist das Molekül TGF-Beta. Zusammen mit anderen Substanzen fördert es die Bildung des Körperklebers Kollagen. Eine Strategie ist, das TGF-Beta im Blut auf dem Weg zu den Zellen, die das Kollagen bilden sollen, abzufangen. Denkbar ist eine Blockade jener Stelle auf der Zelloberfläche, an die TGF-Beta andocken muss, um seine Botschaft transportieren zu können.

Ein zweiter Ansatzpunkt für eine Therapie ist es, die Zellen, die Kollagen produzieren, zielgerichtet abzutöten. «Im Tiermodell funktioniert das alles. Man ist jetzt dabei, es auf Menschen zu übertragen», sagt Ralf Weiskirchen. «In drei bis fünf Jahren könnten entsprechende Medikamente auf dem Markt sein.»


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